"Bauchtanz ist weder erotischer noch unerotischer als jeder andere Tanz."
Erzählen Sie uns ein wenig über den Bauchtanz, worum geht es dabei, was macht für Sie die Faszination und den Reiz dieses Tanzes aus?
Der Bauchtanz bzw. Orientalischer Tanz kommt ursprünglich aus dem arabischen Kulturraum, hat sich aber heute auf der ganzen Welt verbreitet. Und nicht ohne Grund. Er ist ein natürlicher Tanz mit weichen und geschmeidigen aber auch temperamentvollen und kraftvollen Elementen.
Da die Essenz des Bauchtanzes das Zusammenspiel zwischen Körperbewegung und Musik ist (und nicht das Absolvieren akrobatischer Körperübungen), ist der Tanz für Frauen (aber auch für Männer) jeden Alters und jeden Körperbaus geeignet.
Durch das Üben des Bauchtanzes lernt man Geschmeidigkeit und Beweglichkeit und man entwickelt gleichzeitig Rhythmusgefühl und Musikalität. Bauchtanz stärkt sowohl die Muskeln und Bänder, wie auch die inneren Organe.
Bauchtanz ist in erster Linie ein Improvisationstanz. Es gibt natürlich vorgegebene Bewegungen und Schritte, aber der/die Tanzende kann sie frei kombinieren und die Musik auf die eigene Art interpretieren. Ausnahme ist der klassische ägypische Bauchtanzstil. Dort entsprechen bestimmte Bewegungsabläufe bestimmten Mustern in der Musik und das Ganze gelangt zur Perfektion, wenn die Musik, so zu sagen, durch den Körper sichtbar wird. Aber auch dort hat die Tänzerin große Freiheit, die Musik auf ihre persönliche Art zu interpretieren. Genau dieses Zusammenspiel zwischen Musik und Körper und die absolute Harmonie der beiden, wie auch die Improvisationsfreiheit, ist das, was für mich den Reiz des Bauchtanzes ausmacht.
Wie beginnt man als Anfänger am besten mit dem Bauchtanz, welche Übungen und Grundlagen sind da besonders wichtig? Und wie lange muss man ungefähr rechnen bis man es kann?
Am besten besucht man einen Anfängerkurs bei einer kompetenten Lehrerin. Man sollte sich sorgfälltig die Lehrerin (oder Lehrer) aussuchen, da es leider sehr viele inkompetente Leute gibt, die Unterricht geben, da man keine Lizenz braucht, um diesen Tanz zu unterrichten. Eine schlechte Lehrerin kann sowohl ein falsches Bild des Tanzes vermitteln, wie auch falsche Bewegungen, die auf Dauer den Körper belasten, statt ihn zu stärken.
Was die Grundlagen betrifft, ganz wichtig ist die Isolationstechnik, d.h. man bewegt verschiedene Körperteile unabhängig voneinander, und dann natürlich alle bauchtanzspezifische Grundbwegungen und Grundschritte, wie auch Shimmys (isolierte Schüttelbewegungen). Bauchtanz hat veschiede Etappen. Um einfache arabische (oder türkische oder griechische) Bauchtanzlieder tanzen zu können, braucht man, wenn man bei einer guten Lehrerin den Unterricht besucht, nicht so lange, d.h. ca. ein Jahr. Aber das ist nur der Anfang. Um den klassischen Arabischen Bauchtanz gut tanzen zu können, muss man mit mindestens sechs bis sieben Jahre rechen (mit ausreichendem Talent und sehr viel Übung, ansonsten noch viel länger).
Welche Rolle spielt das ganze „Drumherum“ beim Bauchtanz, in wie fern lebt man neben dem Tanz auch das orientalische Lebensgefühl und die Mode aus?
Was sehr viele Frauen an diesem Tanz fasziniert (mich auch), sind die schönen, bunten, glitzernden Kostüme und die Möglichkeit sich als 100% weibliche Frau auf der Bühne zu zeigen. Allerdings ändern sich mit den neueren, westlich geprägten Stilen (wie Tribal Fusion und Gothic Belly Dance) auch die Kostüme, wie auch die Energien, die den Tanz durchdringen, das hat aber auch seinen Reiz. Was das orientalische Lebensgefühl betrifft, ist es ein zweischneidiges Schwert. Für Leute, die wenig mit dem Orient zu tun haben und mehr oder weniger „Orient spielen“, mag diese Komponente auch sehr reizvoll sein, wenn aber jemand wie ich, sehr viel mit dem Orient zu tun hat und aus einem Land kommt, das einige orientalische Elemente in seiner Kultur hat, sieht man die Sache weniger romantisch. Orientalisches Lebensgefühl und Bauchtanz passen nur bedingt zu einander, vor allem heutzutage, da der Islamismus immer mehr Boden in den meisten orientalischen Ländern gewinnt und dadurch, alles was vom Islam verpönt ist (darunter auch jegliche Form vom Tanz), abgelehnt wird. Im Orient selber wird Bauchtanz sehr widersprüchlich wahrgenommen, natürlich ist es ein Teil der orientalischen Kultur, aber ein sehr umstrittener Teil. Aber Bauchtanz kommt nicht nur in den Ländern, die wir als Orient verstehen vor, sondern auch in vielen Teilen Europas (Griechenland- wo ich herkomme- alle Balkanländer, Ukraine, Spanien, u.a.). Und ich spreche nicht von der heutigen Ausbreitung des klassischen Arabischen Bauchtanzes und seiner Variationen in diesen Länder, sondern von Jahrhunderten alte Traditionen.
Oft sieht man Bauchtanz auch in Kombination mit Schlangen, Fackeln oder Ähnlichem. Was gibt es denn eigentlich für besondere Formen des Bauchtanzes bzw. welche Accessoires und Utensilien werden beim Bauchtanz gern verwendet?
Die meisten Utensilien, die heute beim Bauchtanz benutzt werden, kommen in erster Linie aus Amerika und sind Fantasie Elemente. Ausnahmen sind: Stocktanz (den gibt es länger in folklorer Form in fast allen Ländern des Orients. Im Bauchtanz aber tanzt man hauptsächlich die ägyptische oder libanesische Variante), Shamadan (Kerzenleuchter)-Tanz, das ist auch ein traditioneller ägyptischer Tanz und Tanz mit Zimbeln (Fingerschellen), das gehört auch traditionellerweise zum Orientalischen Bauchtanz. Es gibt durch die westlichen Bauchtänzerinnen immer mehr Utensilien, also neben Schleier, Schwert, Fackel, Schlange,usw. auch Pois, Fächer, Schleierfächer, usw., die eingesetzt werden. Meistens wird mit diesen Utensilien jedoch nicht auf klassischer arabischer sondern eher auf Fusionsmusik getanzt (d.h. Mischung aus arabischer und westlicher Musik).
Der Bauchtanz beinhaltet ja auch eine erotische Komponente, inwiefern muss man dies bei Shows und Auftritten im Hinterkopf behalten, gibt es da bestimmte Regeln oder eine Etikette an die man sich auf jedenfall halten muss?
Die erotische Komponente existiert eher in den Köpfen der Zuschauer. Bauchtanz ist weder erotischer noch unerotischer als jeder andere Tanz. Immer, wenn der Körper sich harmonisch und ästhetisch auf Musik bewegt, entsteht ein erotisches Gefühl, aber seltsamerweise wird dem Bauchtanz eine besondere Erotik zugeschrieben, obwohl dies nicht der Fall ist. Latino Tänze z.B. sind um einiges erotischer, da dort die Tänzer und Tänzerinnen zum einen noch heftigere Bewegungen mit der Hüfte ausführen, zum anderen sehr leicht bekleidet sind und, da sie in Paaren tanzen, entsteht eine besondere Interaktion zwischen Mann und Frau. Ich glaube, die besondere erotische Aura haftet dem Bauchtanz noch von den Zeiten an, als die ersten (damals sehr prüden) Europäer, im Orient Bauchtanz gesehen hatten. Die Hüftbewegungen waren für die Europäer von damals besonders aufreizend, aber heute, in Zeiten des Hip Hops, Samba, usw. ist Bauchtanz eher bescheiden erotisch, zumal die Tänzerinnen (wenn sie künstlerischen Bauchtanz und nicht leichtes Entertaintment in Clubs usw. anbieten), ziemlich viel anhaben. Natürlich kann man ausgerechnet das als besonders erotisch empfinden, in einer Zeit, in der Nacktheit überall präsent ist (lacht).
Was unterscheidet einen „normalen“ Bauchtanz von einem erstklassigen Bauchtanz, was macht da den Unterschied, welche Nuancen gibt es da die für den Laien vielleicht gar nicht sofort ersichtlich sind?
Wie ich schon am Anfang erwähnt habe, ist Bauchtanz das absolut harmonische Zusammenspiel von Körper und Musik. Das heißt, eine erstklassige Tänzerin tanzt so, dass der Zuschauer die Musik in ihren Bewegungen „sehen“ kann. Das nehmen zwar viele Zuschauer nicht bewußt wahr, aber unbewußt doch. Das fehlt den mittelmäßigen Tänzerinnen, die eher darauf bedacht sind, möglichst komplexe Choreos aufzuführen, die oft aber leider nicht viel mit der Musik zu tun haben. Interessanterweise bemerkt gerade der unbedarfte Laienzuschauer oft den Unterschied noch besser, als Leute mit Halbkenntnissen, auch wenn er nicht erklären kann, warum ihm die eine Tänzerin gefällt, die andere nicht. Natürlich der geübte, wissende Zuschauer sieht es so wie so. Wie dem auch sei, ist der Unterschied zwischen einem „normalen“ (also mittelmäßigen) und einem erstklassigen Bauchtanz auf jeden Fall auffällig und es kommt selten vor, dass die Zuschauer, den Unterschied nicht sehen können. Vielleicht nur wenn sie sich zu sehr von Effekthaschereien oder Aussehen der Tänzerin blenden lassen (z.B. junge hübsche Frau mit toller Figur tritt vor männlichem Publikum auf. Da schauen wahrscheinlich die wenigsten auf ihre Tanzkunst).




















