"Snowboarden bietet mir bis heute die Möglichkeit, meine Energie und meine Lebensfreude auszudrücken."
Frau Müssig, als Sie mit dem Snowboarding begonnen haben war dieser Sport längst nicht so populär wie heute. Wie sind Sie damals zu diesem Sport gekommen und woher kam Ihre Entscheidung, diesen Sport so intensiv zu betreiben?
Ich habe 1979 mit dem Snowboarden begonnen. Das war damals in der Tat ganz und gar nicht populär, das gab es zu dem Zeitpunkt in Europa einfach gar nicht. Ich war damals eine Skateboarderin, so richtig mit Pipe- und Park-riden und wir haben die ersten Bilder beim Snowboarden im „Transworld Skateboarding Magazin“ gesehen, das Magazin gibt es heute noch. Kurz nach diesen Bildern im TWS brachte einer unserer Skaterkollegen aus der Schweiz, Jose Fernandes, von einem Aufenthalt in den USA ein Snowboard mit zu einem Skateboard-Event. Das Board hatte er mitten im Sommer auf dem Dachgepäckträger seines Autos vertäut um direkt nach dem Skateboardtreffen zum Boarden auf den Gletscher in Laax zu starten … und damit war es um mich und meine Freunde aus der Skaterclique geschehen: Wir wollten auch snowboarden! Zwei aus unserer damaligen Clique entschieden sich nur, um dadurch noch besser Skate- und Snowboards bauen zu können, für den Beruf des Zimmermanns und Schreiners. Einer von diesen – Werner Früh von Jester Boards und Store in Konstanz – baut noch heute, 30 Jahre später, Snowboards. Was mich dazu brachte, diesen Sport so intensiv zu betreiben? Noch dazu, wo wir es in den Anfangsjahren ganz und gar nicht einfach hatten: Nur einer von uns allen hatte einen Führerschein und wir hatten nur ein einziges Auto für 7, 8 begeisterte Boarder (die haben da auch immer irgendwie alle reingepasst). Bis ins letzte Drittel der 80´er durften wir so gut wie nirgendwo einen Lift benutzen, was verständlich war: Wir hatten damals noch 3 Zentimeter lange Eisen- oder Aluminium-Finnen unter den Boards und hätten die Liftspuren in der Tat ruiniert.. Und dennoch war und ist es eine Faszination, der ich bis heute nicht widerstehen kann.
Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Snowboarding aus?
Zum einen ist es das intensive Naturerlebnis. Wie gesagt durften wir am Anfang keine Lifte benutzen, es dauerte bis Anfang der 90er Jahre, bis wir dann auch die letzten bis dahin für uns verbotenen einzelnen Lifte im Alpspitzgebiet und am Spitzingssee benutzen durften. Also stapften wir gemeinsam Tiefschneehänge hinauf, das prägt und schweißt zusammen und dadurch entsteht eine tiefe Verbindung zur Natur. Diese Verbindung hat mich – ich vermute auch viele andere von damals – zu tiefem Respekt und Dankbarkeit geführt: Uns war damals, als wir 14, 15 Jahre alt waren, gar nicht bewusst, wie gefährlich die Ausübung unseres Sports unter den gegebenen Umständen war und ich habe inzwischen einige Freunde und Bekannte durch Lawinen und Abstürze an den Berg verloren.
Zum anderen bietet mir Snowboarden bis heute die Möglichkeit, meine Energie und meine Lebensfreude auszudrücken. Ich hab so viel Energie in mir, und wenn ich so völlig losgelöst über die oberste Schicht eines Tiefschneefeldes gleite, oder mit absoluter Präzision meine Kanten einsetze, dann denke ich nicht mehr, dann bin ich nur noch. Seltsam, so was Ähnliches habe ich schon mal in einem Interview vor mehr als 20 Jahren gesagt und es ist bis heute so geblieben. Das, was sich geändert hat ist, dass das Material von heute so viel besser, bequemer und einfacher zu fahren ist, und dass mir schneller die Puste ausgeht.
Jeder Sport verändert sich mit der Zeit, entwickelt sich weiter. Welche Veränderungen gab es in den letzten Jahrzehnten im Snowboarding, die Ihnen besonders positiv aber auch vielleicht besonderes negativ erscheinen?
Positive Veränderungen sind wie gesagt: zum einen das Material, das um so vieles besser, bequemer und einfacher geworden ist. Zum anderen, dass wir schon seit langem auf den Pisten akzeptiert sind.
Beim Thema uns negativ erscheinende Veränderungen müssen wir auf der Hut sein. Zum einen könnte es sein, dass wir Ältern Veränderungen in einer uns unangenehmen Art und Weise wahrnehmen, weil wir einfach älter geworden sind. Wer älter wird und nicht aufpasst, der wird auch starrer und dann kommen „die junge Wilden“ gerade recht, um unsere Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Umständen auf genau diese zu projezieren und ein bisschen über die „mit dem Hosenboden bis zur Piste“ herzuziehen. Der zweite Punkt, der oftmals als „negative“ Entwicklung unseres Sports aufgeführt wird, ist die so genannte „Kommerzialisierung“. Und da müssen wir uns – vor allem die, welche den Vorwurf der Kommerzialisierung äußern – mal genau prüfen: Partizipieren wir nicht alle am Konsum? Leben davon oder dafür, je nachdem? Was haben wir getan, um der Kommerzialisierung unseres Sports und in allem anderen Bereichen unsres Alltags zu widerstehen? Also entweder wir partizipieren und halten die (Vorwurfs-) Klappe, oder wir beginnen mit einem bewussten Konsum und können aber dann nicht mehr in dem Maße leben wie bisher.
Was war bezüglich des Sports Ihr schönstes Erlebnis und welche Rolle spielt Snowboarding Heute und in Zukunft in Ihrem Leben?
Es gab sehr viele schöne Erlebnisse. Viele davon haben mit der Natur zu tun, und viele davon in gemeinsamen Erlebnissen mit Freunden und Nahestehenden. Bis heute kann ich im Winter an sonnigen, klaren Tagen mit Schnee kaum still am Schreibtisch sitzen, da packt es mich und zum Glück kann ich es mir öfter so einrichten, dass ich dann losdüsen und wenigstens ein paar Schwünge hinlegen kann. Allerdings reizen mich heute – nach 30 Jahren Snowboarden – die ganz grauen Tage nicht mehr so sehr, außer es rufen Freunde an und wir gehen zusammen. Ich denke, der Aspekt des Miteinanders, das zusammen zu boarden gehen ist bei ganz vielen Snowboardern sehr wichtig. Nicht immer und nicht bei allen, aber sehr oft.
Wenn man als junger Mensch ernsthaft mit diesem Sport anfangen möchte, wie und wann steigt man da am besten ein, welche Voraussetzungen sind wichtig und worauf sollte man achten?
Für die ersten beiden Tage auf dem Board ist ein Snowboardkurs wohl das Allerbeste. Denn wer die ersten zwei Tage unter Anleitung verbringt, erspart sich unnötigen Energieverlust beim Lernen und mit dem unbekannten Material. Bevor man Boots und Board kauft, sollte man schon ungefähr wissen, in welche Richtung das Boarden gehen soll, sonst steht man nach einer Saison da und braucht unter Umständen ein neues Board weil man sich entschieden hat, nun doch nicht soviel im Gelände sondern lieber im Park zu boarden. Viele Snowboardschulen und Snowboardshops bieten verschiedene Testboards an. Wer boarden kann und sich um ein neues Board umsehen möchte, der kann an einem der fast an jedem Wochenende im Herbst stattfindenen „Testivals“ auf den Gletschern in Österreich Material von fast allen Herstellern ausprobieren. Wichtig beim Kauf ist auch eine gute fachliche Beratung in einem Snowboardshop oder einen Sportgeschäft mit eigener Snowboardabteilung.
Zu den Voraussetzungen für Snowboarden zählt meiner Ansicht nach, dass der oder die wirklich von sich heraus boarden lernen möchte und nicht bloß deshalb, weil es die Freunde auch machen. Freude an der Bewegung und am Schnee gehören dazu und ein gewisses Maß an Sportlichkeit und Fitness – wie zu jeder anderen Sportart auch.




















